Wenn Flüchtlinge zu Freunden werden

„Die Flüchtlinge“ – das bleibt für viele ein abstrakter Begriff aus den Medien. Dabei lohnen sich die persönlichen Begegnungen mit Menschen, die bei uns Schutz und ein neues Zuhause suchen. Über den Flüchtlingshilfeverein in Bad Vilbel bei Frankfurt haben wir Kontakt zu einer Familie aus Eritrea aufgenommen. Seitdem unternehmen wir regelmäßig etwas zusammen, was Kinder wie Erwachsene als große Bereicherung erleben.

Als die Apfelbäume in unserem Garten im Herbst 2015 voller Früchte hingen, trafen wir uns zum ersten Mal. Jörg und Kidane, Yordanos und Nicole ernteten das Obst, während Elena (damals 12) und Marla (10) mit Yafet (7) und Hannibal (3) das Trampolin eroberten. Das freute vor allem die Eltern aus Eritrea, denn auch sie stellen sich die hierzulande bekannte Frage, ob sich ihre Kinder genug bewegen;-).

Mit Hilfe einer Keltermaschine verwandelten sich die Äpfel in Saft, und einen Kanister davon brachten wir in die Flüchtlingsunterkunft – für viele dort ein ganz neues Geschmackserlebnis! Im Gegenzug probierten wir das typische Fladenbrot aus Eritrea mit verschiedenen Füllungen und einen wahrhaft köstlichen Kaffee, dessen Bohnen vorher langsam und liebevoll auf einer Art Mini-Herd geröstet wurden.

Im Winter backten wir zusammen Waffeln und besuchten den Bad Vilbeler Weihnachtsmarkt. Die Kinder spielten Fußball oder Tischkicker, und die große Elena kümmert sich rührend um den jüngsten Sprössling der Familie, der mittlerweile knapp zwei Jahre alt ist – und lustigerweise auch Elena heißt. Jörg nahm Kidane mit in seinen Volleyballverein: Die gesamte Spieler-Gruppe spendierte ihm die Mitgliedschaft, die aus versicherungstechnischen Gründen nötig ist. Alle freuen sich über Kidanes spielerischen und menschlichen Zuwachs im Verein.

Da der kleine Hannibal jedes Mal aus dem Häuschen gerät, wenn er unsere Katze sieht, haben wir ihm (und seiner Familie) zum Geburtstag 2016 einen Besuch im Frankfurter Zoo geschenkt. Wir erlebten einen aufregenden Tag im Tierpark, nicht nur die Kinder bekamen leuchtende Augen, und Kidane erzählte von den heulenden Hyänen in Eritrea. Sein Deutsch wird immer besser, zumal sein Asylantrag nun anerkannt wurde und er umfangreiche Sprachkurse besuchen kann. Dies gilt mittlerweile auch für Yordanos, deren Antragsbestätigung aus unerfindlichen Gründen deutlich länger auf sich warten ließ. Auch mit ihr klappt die Verständigung auf Deutsch jetzt problemlos, am Anfang haben wir Englisch gesprochen.

Mit Yafet, der eine Grundschule in Bad Vilbel besucht, konnten wir uns von Beginn an ganz prima auf Deutsch unterhalten. Er versteht sich glänzend mit unser jüngeren Tochter Marla. Die beiden fachsimpeln über Lehrer oder Matheaufgaben, balancieren um die Wette und diskutieren über Sinn und Zweck eines Fahrradhelms. Abends im Bett denken die Mädels dann darüber nach, was die Familie bei ihrer Flucht durch die Wüste von Libyen und über das Mittelmeer alles durchgemacht hat.
Noch wohnen die Fünf in einer Zwei-Zimmer-Wohnung der Flüchtlingsunterkunft, die natürlich viel zu eng ist. Auch mit einem anerkannten Asylantrag ist es aber schwierig, eine andere Bleibe zu finden, zumal Kidane noch auf Jobsuche ist. Ohne Job kaum eine Wohnung, ohne festen Wohnsitz kaum eine Arbeit – es bleibt kompliziert, aber die Familie ist immer fröhlich und guter Dinge. Auch und gerade in dieser Hinsicht können wir Deutschen, die wir ja tendenziell zum Jammern auf hohem Niveau neigen, etwas von den geflüchteten Menschen lernen.

Wir sind froh und dankbar über die Bekanntschaft zu „unserer“ Familie, die sich immer mehr zur Freundschaft entwickelt. Gerne möchten wir andere Menschen dazu ermutigen, Kontakt zu den Flüchtlingen vor Ort aufzunehmen; es lohnt sich!

Nicole Unruh

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