RE21083 nach Hamburg

RE21083 nach Hamburg, ein Sonntagabend im Juni. Ich pendle aus Kiel zurück zur Arbeit nach Berlin.

Es ist kurz nach acht, als der Jugendliche auf mich zukommt und fragend auf mein Handy zeigt, das neben mir auf dem Tisch liegt. Der Gestik nach würde er gern telefonieren. Auf seinem eigenen Handy zeigt er mir eine Festnetznummer.

Ich wähle die Nummer auf meinem Telefon und gebe es ihm.

Nach ein paar kurzen Wortwechseln in gebrochenem Englisch hält er mir hilfesuchend mein Handy hin. Am anderen Ende meldet sich eine freundliche Männerstimme. Sie bittet mich, dem Jungen dabei zu helfen, nach Frankfurt zu gelangen.

Nachdem ich meine Hilfe zugesagt habe, frage ich den jungen Mann nach seinem Ticket. Während wir uns bereits Hamburg nähern, hält er mir einen Fahrschein entgegen, der von der dänischen Grenze nach Hamburg reicht. In Hamburg habe ich etwas Aufenthalt. Ich könnte ihm also ein Ticket kaufen, denke ich.

Keine Sekunde habe ich gezögert, ihn telefonieren zu lassen und ihm eine Verbindung rauszusuchen. Aber was ist, wenn wir gleich gemeinsam vor dem Automaten in Hamburg stehen, es ans Bezahlen geht und er kein Geld hat? Ich beschließe, die Frage zurückzustellen und wir nähern uns Hamburg.

Der Junge nickt zwar viel, versteht mich aber kaum. Schnell lade ich mir Google Translate herunter und frage ihn, ob er Dänisch spricht. Er antwortet, er verstehe etwas Schwedisch. Das ist zu wenig, als dass ihm mein eigenes spärliches Norwegisch weiterhelfen könnte. Also gebe ich meine Fragen an ihn ins Handy ein und zeige ihm die schwedische Übersetzung auf dem Bildschirm.

Weil er selbst nicht sagen kann, wohin genau er muss, rufe ich den Herrn aus Frankfurt noch einmal an. Es stellt sich heraus, er wohnt in Kassel. Dort könnte der Jugendliche, der mir mittlerweile sagen konnte, er heiße Mehdi, schon um viertel nach elf ankommen. Das klingt doch deutlich besser als viertel vor eins nachts! Das wäre die Zeit, zu der er in Frankfurt hätte sein können.

Unsere Regionalbahn kommt etwas verspätet am Hamburger Hauptbahnhof zum Stehen. Planmäßige Ankunft war 20.16 Uhr, die Bahn-App sagt, sein Anschluss nach Kassel fährt bereits um 20.24 Uhr. Ich nehme Mehdi an die Hand, meine Tasche über die Schulter und laufe mit ihm durch den Bahnhof zum Fahrkartenautomaten. Die Verbindung ist schnell gefunden, die Frage nach seinem Alter dank Google Translate glücklicherweise auch schnell geklärt. Mehdi zieht zwei zerknüllte 50 Euro Scheine aus einer Tasche an der Schulter seiner Jacke und zahlt sein Ticket.

Weil es eine Verbindung mit Umstieg in Göttingen ist, drucke ich ihm noch einen Reiseplan aus. Den kann er Mitreisenden oder Bahnmitarbeitern in Göttingen zeigen, falls er Hilfe braucht. Um 20 Uhr, 23 Minuten und 20 Sekunden sind wir noch sechs Gleise von seinem Abfahrtgleis entfernt. Erneut ziehe ich ihn durch den Bahnhof, diesmal im Sprint.

Wir erreichen IC1989 gerade noch rechtzeitig und als er in den Intercity steigt, halte ich ihm zum Abschied meinen Handybildschirm hin: Ha en säker resa!

Philipp Neuenfeldt

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