„Kann ich das?“

Dass es in Mannheim viele Menschen mit Migrationshintergrund gibt, war Jessica immer klar. Dass nicht alle dieselben Chancen haben auch – irgendwie weiß das ja schließlich jeder. Dass es einen offenen Jugendtreff gab, wusste sie auch. Was das genau ist – eigentlich nicht. Und plötzlich hieß es „Mach doch mit!“.

„Ich?“, dachte sie, „einfach neben der Uni? Kann ich das?“

Und dann ging alles doch ganz schnell. Auf einmal hieß es: freitags spielen, vorlesen, basteln und manchmal auch einfach nur zuhören. Und Jessica lernte viel. Vor allem, sich durchzusetzen. Weil der Ton rauer ist, weil man bei 15 Kindern in der Turnhalle auch mal laut werden muss. Weil so mancher Streit geschlichtet und so manche Träne getrocknet werden muss.

Aber auch viel über bulgarische und türkische Traditionen. Über Familienzusammenhalt, über Feste, über Gastfreundschaft. Über Kinder an sich. Über Vertrauen. Darüber, es nicht leicht zu haben im Leben. Darüber, wie es ist, neu zu sein. Wie es ist, fremd zu sein. Und sie musste Namen lernen. Ungewohnte, aber sehr schöne Namen. Und lernen, dass der eigene Name für die Kinder genauso ungewohnt ist. Dass man auch mal „Shakira“ gerufen wird. Auch, dass das alles ziemlich anstrengend sein kann, weil der Jugendtreff auch in der Klausurphase nachgefragt wird.

Und sie musste lernen, Kommentare von anderen zu überhören. Weil sie keine soziale Arbeit studiert, sondern BWL. Weil sie freitagabends müde ist. Aber das störte sie nicht, weil es die Kinder nicht stört. Weil sie froh sind, wenn jemand da ist. Jemand, der mit Kicker oder Fußball spielt. Die auch mal schimpft, Fragen beantwortet und Wörter erklärt. Und die mindestens genau so viel von ihnen lernt wie sie von ihr.

Heute weiß Jessica: „Ja, ich kann das.“

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